Was ist Orientalischer Tanz?
Das Wort "Bauchtanz" wurde von den Orientreisenden
im 19. Jahrhundert geprägt. Als sie die einheimischen Tänzerinnen
sahen, fielen ihnen wahrscheinlich zunächst die isolierten
Bauch- und Beckenbewegungen besonders auf, die es ja in den westlichen
Tänzen (wie z. B. Ballett, Menuett, Walzer etc.) nicht gibt.
So prägten sie die Begriffe "dance du ventre", "belly
dance".
Im Orient gibt es für diesen Tanz die Unterscheidung zwischen
"Raqs baladi" und "Raqs sharqi". Als Raqs baladi
bezeichnet man den Tanz der Frauen, der Kinder, der einfachen Tänzerinnen
auf Familien- und Strassenfesten. Er ist der Tanz des Volkes, er
widerspiegelt die Seele des Volkes. Durch ihn können gleichermassen
Lebensfreude, Koketterie, Sehnsucht und Schmerz ausgedrückt
werden.
Raqs sharqi heisst wörtlich "Tanz des Ostens", "orientalischer
Tanz" - als Gegensatz zu den westlichen Tänzen (Raqs gharbi).
Der Raqs sharqi wird im Prinzip mit den gleichen Bewegungen getanzt
wie der Raqs baladi, nur verfeinert, vielfältiger im Repertoire
und auf höherem künstlerischem Niveau.
Viele der grossen ägyptischen Tänzerinnen haben zusätzlich
eine klassische Tanzausbildung. Sie arbeiten mit ihren eigenen Musikern,
perfektionieren ihren Tanz und stellen Shows zusammen, die sie hauptsächlich
in den Luxushotels grosser Städte für reiche Einheimische
und Touristen aus aller Welt präsentieren.
Das Prinzip: isolierte Bewegungen
Der orientalische Tanz ist ein Tanz aus der Körpermitte, der
Energiequelle für jede Tanzbewegung. Es wird beispielsweise
nur die Hüfte geschwungen, während der Oberkörper
ruhig bleibt. Ebenso isoliert tanzen der Oberkörper, der Brustkorb,
Arme, Hände, Kopf und natürlich auch die Beine. Die Voraussetzung,
um orientalisch tanzen zu können, ist daher, die einzelnen
Körperteile und Muskeln erst einmal zu entdecken, sie kennen
zu lernen und schliesslich die einzelnen Grund- und danach die kombinierten
Bewegungen zu erlernen. Diese isolierten Figuren werden im Tanz
wieder miteinander verbunden, so dass ein harmonisches Ineinanderfliessen
entsteht. Dabei geben die Armhaltung und die Armbewegungen und nicht
zuletzt die Mimik dem Tanz seinen speziellen Ausdruck: Eleganz,
Würde, Verspieltheit oder Verträumtheit. Das Schwierigste
ist nun, den tanzenden Körper, mit all den isolierten und wieder
miteinander verbundenen Bewegungen, mit der für unsere Ohren
fremden Musik verschmelzen zu lassen, ein Gefühl für die
Musik zu entwickeln, um sie tanzend angemessen interpretieren zu
können.
Geschichte - eine uralte Tradition
Der orientalische Tanz ist, wie jeder traditionelle Tanz, auf religiös-rituellen
Ursprung zurückzuführen. Diese rituellen Tänze fanden
meistens in der Gemeinschaft statt, um Gottheit und übernatürliche
Mächte zu beschwören und zu beeinflussen. Dabei ging es
überwiegend um Fruchtbarkeit: um Fruchtbarkeit der Erde und
der Menschen. Sowohl der Geschlechtsakt als auch die weibliche Macht
zu gebären wurden im Tanz dargestellt durch schwingende, kreisende
und stossende Bewegungen des Beckens - des Zentrums der Fruchtbarkeit
und Fortpflanzung. Zum Teil sind diese magischen Tänze in Polynesien,
Südamerika und Afrika in ihrer ursprünglichen Bedeutung
noch erhalten.
Aus Beschwörung wurde im Laufe der Zeit auch Unterhaltung:
Tanz als Vergnügen für sich selbst und für andere.
Die alten, rituellen Tänze wurden weiterentwickelt und verfeinert.
Bei Zeremonien und Festen engagierte man Musiker und Tänzer/innen.
So entwickelte sich der Stand der Berufstänzerin. Sie tauchen
in historischen Überlieferungen immer wieder auf: im alten
Ägypten, im alten Rom, im antiken Griechenland und im ganzen
Vorderen Orient. Man unterschied bereits damals zwischen angesehenen
Unterhaltungskünstlerinnen, die auf den Festen der Reichen
tanzten und den einfachen Tänzerinnen, die sich auf öffentlichen
Plätzen und Strassen Münzen zuwerfen liessen.
Die Tradition der alten Tänze wurde jahrtausendelang im Orient
gepflegt und bis heute haben die schwingenden, betörenden Hüftbewegungen
ihre Faszination nicht verloren. Manchmal lässt sich die Verbindung
zum ursprünglichen Fruchtbarkeitsritual noch erahnen. So ist
es in arabischen Ländern bis heute üblich, bei Hochzeiten
eine Bauchtänzerin zu engagieren. Der Tanz soll das Brautpaar
anregen und so zu einem reichen Kindersegen verhelfen.
Bauchtanz in der westlichen Welt
Man muss nicht Araberin oder Türkin sein, um bauchtanzen zu
können. Der Bauchtanz mit seinen urweiblichen Bewegungen ist
ein Tanz für Frauen, für Frauen jeder Nationalität.
Nach Europa kam der orientalische Tanz nicht über Ägypten
oder die Türkei, sondern in den 70er Jahren aus Amerika (von
dort kommen übrigens auch die z. T. englischen Bezeichnungen
für die Tanzschritte).
In Chicago konnte man schon 1893 anlässlich der Weltausstellung
die ersten arabischen Tänzerinnen bewundern. Seit dieser Zeit
schlängelten sich "orientalische" Künstlerinnen über die
Bühnen der amerikanischen Nachtclubs, Cabarets und, nicht zu
vergessen, durch etliche klischeebehaftete Hollywoodfilme. Die
Mode der zweiteiligen, bauchfreien Kostüme, die heute von fast
allen professionellen Tänzerinnen für Auftritte getragen
werden, resultiert aus diesen Filmen. Nie wäre es einer Araberin
zuvor in den Sinn gekommen, bauchfrei zu tanzen!
In den 60er Jahren kam es in den USA zu einem regelrechten Bauchtanzfieber,
das sich dann 10 Jahre später auch in Deutschland ausbreitete.
Nachdem die sexuelle Revolution der 70er Jahre der alten Körperfeindlichkeit
den Kampf angesagt hatte, wurden die Frauen offener für alles
Sinnliche, für alles, was befreite und Tabus brach. Bauchtanz
war für die Mutigen, die sich über Vorurteile hinwegsetzten
und die in diesem Tanz oft ihre Erfüllung, ihr Leben sahen.
Vielleicht liegt es auch heute noch an der ursprünglichen magischen
Bedeutung, dass die Anziehungskraft und die Leidenschaft für
den orientalischen Tanz nicht nachlassen und er nach wie vor Jung
und Alt, Gross und Klein, Hell oder Dunkel, Dick oder Dünn
grenzenlos begeistert.
Text: Quelle unbekannt, überarbeitet und ergänzt
durch Renate Beyeler, 2004
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